Detlev Schulz-Hendel: Rede zu einem möglichen Offshore-Weltraumbahnhof (Antrag FDP)

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Anrede,

Beim Bundesverband der Deutschen Industrie und auch im Bundeswirtschaftsministerium steht der Offshore-Weltraumbahnhof ganz oben auf der Wunschliste. Im Juli hatte der BDI kräftig die Werbetrommel dafür gerührt, dass in der Nordsee für kleinere Trägerraketen ein Weltraumbahnhof errichtet werden soll. Von dort aus sollen dann zum Beispiel Satelliten ins All geschossen werden. Im September hieß es im Handelsblatt dann, das Bundesministerium würde ein Konzept für den Bau eines Weltraumbahnhofs in der Nordsee prüfen (Handelsblatt 7.9.2020).

Ganz hoch hinaus will auch die FDP. Beim Baustart des Forschungszentrums AeroSpacePark in der Lüneburger Heide erklärte mein geschätzter Kollege Jörg Bode: Man müsse die „Raumfahrt groß denken“ und den „niedersächsischen Weltraumbahnhof vorantreiben“.  Gesagt, getan - und nun also der Antrag der FDP-Fraktion.

Und offenbar findet die Landesregierung die Idee gut, bald inmitten von drei großen sensiblen Naturschutzgebieten Rakete abfeuern zu lassen.

Das aber bitte schön umweltverträglich – und wirtschaftlich. So jedenfalls lautet die Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der FDP. Für mich ergibt sich daraus ein Widerspruch, der sich auch nicht auflösen lässt.

Die Bedeutung der Luft- und Raumfahrt würde zunehmend in den Fokus rücken, heißt es weiter in der Antwort auf die FDP-Anfrage. Man entwickle eine „Luft- und Raumfahrtstrategie 2030“. SPD und CDU planen tatsächlich, im kommenden Jahr die Mittel von 4 Millionen auf 8 Millionen Euro zu verdoppeln. Als ob wir in Corona-Zeiten und drohenden Insolvenzen bei den niedersächsischen kleinen und mittleren Unternehmen keine anderen Sorgen hätten, als großen Jungen ihre Abenteuerwünsche zu erfüllen.

Laut Raumfahrtszene soll das Geschäft viel Geld einbringen – der BDI glaubt, dass ein deutscher Startplatz der letzte wichtige Baustein „für eine erfolgreiche New-Space-Strategie Deutschlands“ sei - also für die kommerzielle Raumfahrt (Handelsblatt 7.9.2020).

Viele Probleme sind ungelöst: Luftverkehrssperrungen, die Vereinbarkeit mit dem Schiffsverkehr und vor allem der Umwelt- und Naturschutz oder auch Konkurrenz-Nutzungen durch Fischerei und Offshore-Windparks sind in die Rechnung nicht eingespeist.

Wir können es uns nicht vorstellen, dass sich Raketenkrach und Treibstoffwolken mit dem Klima- und Umweltschutz vereinbaren lassen. Wir erwarten ganz klar von der Landesregierung, dass sie die Pläne kritisch bewertet und diesen Plänen eine klare Absage erteilt.  Aus europäischer Sicht ist es unverständlich, weswegen es neben dem Raumfahrtzentrum Guayana Bedarf für einen weiteren europäischen Weltraumbahnhof gibt. Wer die Wirtschaft in Niedersachsen fit für die Zukunft machen will, der richtet seine Wirtschaftsförderung klug aus - und zwar an sozial-ökologischen Kriterien.

 

 

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